Wissenstransfer

Wissenstransfer in der Produktion — das Können sichern, solange die Person noch da ist

In vierzehn Monaten geht Ihr bester Einrichter, und niemand außer ihm bekommt die Sondermaschine sauber gerüstet. Das ist der Auslöser, mit dem dieses Thema in fast jedem Betrieb anfängt — nicht eine Strategie, sondern ein Datum im Kalender. Was danach passiert, ist ebenfalls überall gleich: ein Übergabegespräch, ein paar Wochen Mitlaufen der Nachfolgerin, im besten Fall eine Word-Datei mit Stichworten. Jeder dieser Bausteine löst ein Stück des Problems. Keiner trifft den Kern, weil das entscheidende Wissen nicht in Sätzen vorliegt, sondern in Bewegungen — und weil es sich nur dort abholen lässt, wo es entsteht.

Warum die üblichen Wege daran vorbeigreifen

Ein Übergabegespräch fragt nach dem, was die abgebende Person für erwähnenswert hält. Genau das ist die Schwachstelle: Wer eine Tätigkeit seit fünfzehn Jahren ausführt, hält den größten Teil davon für selbstverständlich und erwähnt ihn deshalb nicht. Nicht aus Nachlässigkeit — es ist die Definition von Routine. Wer denselben Menschen drei Tage vor dem letzten Schichttag in einen Besprechungsraum setzt und nach den wichtigsten Kniffen fragt, bekommt zuverlässig das Bewusste. Die zwei Sekunden, in denen die Hand korrigiert, bevor der Kopf das Problem registriert, bleiben in der Werkstatt.

Die Schatten-Einarbeitung zeigt das tatsächliche Tun und ist deshalb der wirksamste der drei Bausteine — sie hat nur ein Verfallsdatum. Was die Nachfolgerin in der zweiten Woche übersehen hat, ist nach der Verabschiedung nicht mehr abrufbar. Sie ist außerdem teuer in einer Währung, die gerade knapp ist: Sie bindet die erfahrene Kraft, also genau die Person, deren Stunden man eigentlich für die anspruchsvollen Fälle freihalten will. Wie knapp diese Währung inzwischen ist, steht auf der Seite zum Fachkräftemangel in der Produktion.

Und die Word-Datei scheitert systematisch an der Sache, um die es geht. Das Drehmoment, das die Kollegin ohne Schlüssel spürt; die Reihenfolge beim Kabelbaum, damit der Deckel später ohne Nacharbeit passt; die Justage am Aggregat, die nur kennt, wer es seit der Inbetriebnahme betreut — das sind Bewegungen und Bedingungen, keine Sätze. Sie in Prosa zu übersetzen ist genau der Schritt, an dem das Wissen verloren geht.

Fünf Wege, Erfahrungswissen zu sichern — und was jeder davon erfasst

WegWas er erfasstWas er nicht erfasstAnlernwirkung (5 ★ = stärkste)Wofür er trotzdem taugt
ÜbergabegesprächAufgabenlisten, Ansprechpartner, Sonderfälle, offene VorgängeAlles, was die abgebende Person für selbstverständlich hält — also den größten Teil des Könnens★☆☆☆☆ (1/5) — Man erfährt, dass es die Sonderfälle gibt, nicht, wie man sie beherrscht.Die Organisation drumherum: Zuständigkeiten, Termine, Historie
Schatten-EinarbeitungDas tatsächliche Tun, inklusive der unbewussten KorrekturenNichts — solange beide da sind. Danach ist nur abrufbar, was die Nachfolgerin behalten hat★★★★★ (5/5) — Das Wirksamste, was es gibt. Nur eben genau einmal, und nur für die Person, die daneben stand.Die erste Nachfolge. Für die zweite ist sie nicht mehr verfügbar
Word-Datei im NetzlaufwerkRegeln, Werte, Bedingungen, Prüfkriterien — alles, was sich benennen lässtBewegung, Reihenfolge, Krafteinsatz, Werkzeugführung. Und den Beweis, dass der Stand noch gilt★★☆☆☆ (2/5) — Trägt, wo der Vorgang aus Werten und Prüfpunkten besteht. Für Bewegung und Reihenfolge nicht.Kurze, textlastige Vorgänge an einem Arbeitsplatz
Schulungssystem (LMS) oder E-LearningDas Warum: Zusammenhänge, Sicherheitsregeln, Produktwissen, Nachweis der TeilnahmeDas Wie am Platz. Ein Kurs findet vor der Aufgabe statt, nicht in ihr★★☆☆☆ (2/5) — Baut Verständnis auf, führt aber niemanden durch den Handgriff am Platz.Schulungspflichten, Onboarding-Grundlagen, Wissen ohne Handbezug
Videoanleitung aus der Tätigkeit herausDen Vorgang, wie er wirklich läuft — auch die Handgriffe, die niemand beschreiben würdeMaße, Toleranzen, Werte, die im Bild nicht vorkommen; die gehören in den Schritttext★★★★☆ (4/5) — Zeigt den Vorgang so, wie er wirklich läuft, und ist beliebig oft abrufbar. Zum Nachschlagen von Werten braucht sie den Schritttext daneben.Tätigkeiten, bei denen jemand etwas mit den Händen tut und die Ausführung an einer Person hängt

Schulungssystem und Anleitung am Platz sind keine Alternativen: Das eine klärt das Warum vor der Aufgabe, das andere zeigt das Wie in der Aufgabe. Wer das eine mit dem anderen ersetzt, bekommt entweder geschulte Leute ohne Ausführungssicherheit oder geführte Leute ohne Verständnis.

Drei Zahlen, die den Zeitdruck beschreiben

13,3 Millionen Erwerbspersonen erreichen in den nächsten 15 Jahren das gesetzliche Rentenalter

Das sind 30,0 Prozent aller Erwerbspersonen in Deutschland. Quelle: Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. N039 vom 23. Juni 2026, auf Basis des Mikrozensus 2025.

Im Maschinenbau stehen rund 296.000 Renteneintritten bis 2034 nur rund 118.000 Eintritte gegenüber

Keine Arbeitsmarktprognose, sondern die Bilanz zweier Kohorten — deshalb ist sie belastbarer als jede Vorhersage über offene Stellen. Quelle: IW Köln, 11. November 2024, für die IMPULS-Stiftung des VDMA.

2035 ist ein Viertel der Bevölkerung 67 Jahre oder älter

Der demografische Rahmen hinter beiden Zahlen. Quelle: Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 446 vom 11. Dezember 2025, 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung.

Was am Punkt der Tätigkeit ankommt — und was daraus wird

Erfahrungswissen ist nur sicherbar, solange die Person noch da ist; danach ist es nicht rekonstruierbar. Das ist keine Zuspitzung, sondern die praktische Konsequenz aus dem, was Übergabegespräch und Word-Datei nicht erfassen: Was nicht in Sätzen vorliegt, lässt sich auch nicht nachträglich aus Sätzen zurückgewinnen. Eine Aufnahme während des Vorgangs ist eine der wenigen Methoden, die das tatsächliche Tun festhält, statt eine Beschreibung davon — die kleinen Bewegungen, die niemand bewusst erwähnen würde, die Reihenfolge, in der eine erfahrene Werkerin drei Schritte parallel führt, das kurze Innehalten vor einem kritischen Drehmoment.

Video trägt dort, wo Hände etwas tun: Menschliche Bewegung ist der Inhaltstyp, für den ein Vorteil bewegter gegenüber statischer Darstellung theoretisch vorhergesagt und in Laborexperimenten bestätigt wurde (Wong u. a. 2009). Für Maße, Toleranzen und alles, was nachgeschlagen wird, gilt das nicht — dafür ist der Schritttext da. Ein Wissenstransfer-Projekt, das für jede Tätigkeit dasselbe Medium vorsieht, hat sich also schon in der Planung verrechnet.

Aus der Aufnahme wird bei Montavis eine geschnittene Anleitung: je Schritt ein Bild und eine Textbeschreibung zum Lesen, dazu Teile- und Werkzeugliste, in 24 Sprachen. Die Fachkraft trägt dabei zwei Kameras gleichzeitig, am Kopf und an der Brust; die zweite ist die Rückfallebene, wenn die eigene Hand die Stelle verdeckt, um die es geht. Gefilmt wird, während der Vorgang ohnehin läuft; der Ton wird beim Hochladen entfernt, die fertige Anleitung hat keine Tonspur. Wie eine solche Aufnahme praktisch abläuft, steht auf der Seite zur Videoanleitung; welche Sprachen enthalten sind und was das Synchronhalten wirklich schwer macht, auf der Seite zur mehrsprachigen Arbeitsanweisung.

Was danach entsteht, ist kein Archiv, sondern ein Anlernwerkzeug. Die Anleitung liegt am Arbeitsplatz auf dem Tablet, die Geräte ziehen die jeweils freigegebene Fassung, und die ehemalige Vormacherin muss denselben Standard nicht mehr zehnmal je Schicht erklären. Ihre Stunden werden damit für die Fälle frei, in denen Erfahrung tatsächlich entscheidet — das ist der eigentliche Hebel, nicht die Dokumentation an sich.

Der kurze Weg, wenn ein Datum feststeht

  1. Die Tätigkeiten benennen, die an einer Person hängen

    Nicht die wichtigsten, sondern die einsamsten: Wo würde morgen niemand einspringen können? Meist sind es drei bis fünf je Bereich, und die abgebende Person kann sie in zwanzig Minuten aufzählen. Diese Liste ist die eigentliche Projektplanung — alles Weitere ist Reihenfolge.

  2. Mitbestimmung und Anonymisierung vorab klären

    Umfang und Dauer der Aufnahme, welche Nutzungsdaten entstehen und welche Anonymisierungsstufe gilt. Standard ist die Gesichtsanonymisierung: Gesichter werden unkenntlich, Hände und Vorgang bleiben sichtbar. Die vollständige Personenanonymisierung ist möglich, erfasst dann aber auch die Hände — das Schrittbild kann danach je nach Qualität der Freistellung Einzelheiten der Handbewegung verdecken, und Schritttext, Werkzeug- und Teileliste tragen die Anleitung.

  3. Aufnehmen, während gearbeitet wird

    Kein Drehbuch, keine Vorführung — und das ist nicht nur eine inhaltliche Frage. Eine Vorführung kostet zusätzliche Zeit, sie zwingt jemanden, vor laufender Kamera zu erklären, was er sonst einfach tut, und genau darauf hat kaum jemand Lust. Vor allem aber überspringt sie die Handgriffe, die der Könner für selbstverständlich hält — und die sind der Grund für das ganze Vorhaben. Die Fachkraft arbeitet also normal weiter, die Kameras laufen mit; für sie fällt keine zusätzliche Stunde an.

  4. Gegenprobe durch eine zweite Person

    Lassen Sie jemanden den Vorgang allein nach der fertigen Anleitung ausführen, solange die abgebende Person noch im Haus ist. Jede Rückfrage ist ein Fund und lässt sich jetzt noch beantworten. Das ist der einzige Schritt, der nach der Verabschiedung nicht mehr nachholbar ist.

Häufige Fragen

Häufige Fragen zum Wissenstransfer in der Produktion

Antworten zu implizitem Wissen, zur Abgrenzung gegenüber Schulungssystemen und zu dem, was für die erfahrenen Kolleginnen und Kollegen tatsächlich anfällt.

Was ist implizites Wissen — und warum lässt es sich nicht aufschreiben?
Wissen, das durch jahrelange Wiederholung entsteht und deshalb schwer in Worte zu fassen ist: das Drehmoment, das die Hand spürt, die Reihenfolge, die Nacharbeit vermeidet, die Justage am Aggregat. Der Grund, warum es nicht in der Übergabe auftaucht, ist nicht mangelnder Wille, sondern seine Natur: Wer eine Sache beherrscht, hält sie für selbstverständlich und erwähnt sie nicht. Verbreitete Prozentangaben zum Anteil impliziten Wissens kursieren in mehreren, einander widersprechenden Fassungen ohne belastbare Quelle — wir nennen deshalb keine.
Was passiert mit dem Wissen, wenn eine erfahrene Kollegin geht?
Der explizite Teil bleibt, wenn er dokumentiert ist. Der implizite Teil ist danach nicht rekonstruierbar — es gibt niemanden mehr, den man fragen könnte, und aus einer Beschreibung lässt er sich nicht zurückgewinnen. Genau deshalb ist der Zeitpunkt entscheidend und nicht die Methode: Eine mittelmäßige Aufnahme vor dem letzten Schichttag ist mehr wert als ein perfektes Konzept danach.
Wie unterscheidet sich das von einem LMS oder E-Learning?
Ein Lernmanagementsystem ist für Schulungssitzungen gebaut: vor der Aufgabe, außerhalb des Arbeitsplatzes, häufig mit Test und Teilnahmenachweis. Es klärt das Warum. Eine Anleitung am Platz läuft in der Aufgabe mit und zeigt das Wie. Beide beantworten verschiedene Fragen und ersetzen einander nicht — wer das eine für das andere einkauft, merkt es erst, wenn die geschulte Person vor der Maschine steht.
Müssen erfahrene Werkerinnen und Werker jetzt zusätzlich Dokumentation schreiben?
Nein, und das ist der Kern des Verfahrens. Sie führen die Tätigkeit einmal aus, während die Kameras mitlaufen — also genau das, was sie ohnehin können. Schnitt, Schrittstruktur, Textbeschreibungen und Übersetzungen übernimmt Montavis. Wer drei Jahrzehnte an der Werkbank gearbeitet hat, soll in den letzten Monaten nicht zur Autorin oder zum Autor umgeschult werden.
Funktioniert das auch mit Beschäftigten, die kein Deutsch sprechen?
Ja. Jede Anleitung entsteht in 24 Sprachen; je Schritt gibt es ein Bild und eine Textbeschreibung zum Lesen, sodass sich der Vorgang auch ohne Sprachkenntnisse nachvollziehen lässt. Rechtlich bleibt die Unterweisungspflicht beim Arbeitgeber — die Anleitung ist das Hilfsmittel, mit dem Sie auch bei internationalen Belegschaften unterweisen und die Unterweisung nachvollziehbar machen können.
Muss der Betriebsrat einer Aufnahme am Arbeitsplatz zustimmen?
Wo ein Betriebsrat besteht: ja. Die Aufnahme fällt unter die Mitbestimmung — das heißt, der Betriebsrat entscheidet mit, bevor gefilmt wird. Ausgelöst wird das durch § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG, und zwar schon dann, wenn sich eine Aufnahme zur Kontrolle von Verhalten oder Leistung eignen würde; ob Sie das vorhaben, spielt keine Rolle. Der übliche Weg ist eine Betriebsvereinbarung nach § 88 BetrVG, die Zweck, Dauer und Anonymisierungsstufe einmal festhält. Der zulässige Rahmen ist dabei gut beschrieben: eine einmalige, zeitlich begrenzte, an die Tätigkeit gebundene Aufnahme — keine dauerhafte Beobachtung des Arbeitsplatzes.

Welche Tätigkeit in Ihrem Betrieb hängt heute an genau einer Person?

Persönliche, zeitnahe Antwort. Kein Vertrieb-Funnel — Sie schreiben direkt an die Gründer.